Joseph Braunstein

Joseph Braunstein wurde 1892 in Wien geboren und hatte bereits als Kind Geigenunterricht. Als Jugendlicher eilte ihm der Ruf eines begeisterten und begabten Kammermusikers voraus. Sein Studium absolvierte er an der Wiener Universität, wo Guido Adler und Arnold Schönberg zu seinen Lehrern zählten. Von 1915 bis 1918 leistete er Militärdienst und war unter anderem in Budapest und Lviv/Lemberg stationiert. 1920 promovierte er als Musikwissenschaftler und Historiker mit einer Arbeit über Beethovens „Leonoren-Ouvertüre“, die er 1927 veröffentlichte. Von 1919 bis 1925 verdiente Braunstein seinen Lebensunterhalt als Violinist und Bratschist in verschiedenen Orchestern, darunter dem Wiener Symphonie Orchester und dem der Wiener Staatsoper, wo er mit bedeutenden Dirigenten wie Richard Strauss, Felix Weingarten, Bruno Walter, Wilhelm Furtwängler, Otto Klemperer, Pietro Mascagni und Franz Lehár zusammenarbeitete. Daneben war Braunstein auch ein leidenschaftlicher Autor. Von 1928 bis 1938 verfasste er Beiträge für Radio Wien, zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften, gab Vorlesungen und veröffentlichte Monografien. Zudem war er ein passionierter Bergsteiger und erklomm das Matterhorn und den Mont Blanc. 1921 trat er der Sektion Donauland des Deutschen Alpenvereins bei und wurde alsbald deren Vorstandsmitglied und Bibliotheksleiter. Später fungierte er auch als Hüttenwart des Friesenberghauses in den Zillertaler Alpen, einer Bergsteigerunterkunft der jüdischen Alpenvereine. Er schrieb für die „Österreichische Bergzeitung“ und trug zum Lemmata Alpinismus im Großen Brockhaus bei. Es heißt, einzig die Terminkonflikte mit seinen regelmäßig stattfindenden Expeditionen hätten seine Teilnahme an den Bayreuther Festspielen verhindert.

1940 floh er zusammen mit seiner Frau Emma (geb. Gross) nach Italien. Dabei soll ihm sein 1919 publiziertes Buch „Stephan Steinberger: Leben und Schriften“ maßgeblich geholfen haben. In seinem Werk hatte Braunstein nachweisen können, dass Steinberger, ein bayrischer Mönch, als Erster die Königsspitze erklommen hatte. Gleich nach Erscheinen hatte er ein Exemplar an Papst Pius XI. geschickt, der ebenfalls ein begeisterter Bergsteiger war und einen persönlichen Brief als Dank an Braunstein senden ließ. Eben jener päpstliche Brief erleichterte Braunstein den Weg über Triest nach New York, wohin er und seine Frau 1940 emigrierten.

Braunstein wurde Research Librarian in der Musikabteilung der New York Public Library und unterrichtete ab den 1950er-Jahren an der Mannes School for Music (1957-1972), der Manhattan School of Music (1958-1981) und der Julliard School (1964/65). Er war senior program annotator for the Chamber Music Society of Lincoln Center. Außerdem arbeitete er eng mit dem Österreichischen Kulturinstitut in New York zusammen, wo er Vorträge hielt und bei der Organisation der Bibliothek half. 1961 begann seine zwanzigjährige Zusammenarbeit mit Frederic Waldmann, dem Gründer des Kammerorchesters Musica Aeterna. In dieser Zeit verfasste er mehr als 500 annotations, die in den 1980er-Jahren als dreibändiges Werk veröffentlicht wurden. Als ihn die New York Public Library 1957 in Rente schickte, protestierte Braunstein und bestieg zum Beweis seines guten gesundheitlichen Zustands das Matterhorn. Selbst mit über 80 Jahren nahm Braunstein noch an Expeditionen teil. Insgesamt erklomm er während seines Lebens über 200 Gipfel, ungefähr 60 davon höher als 13000 Fuß. 1995 erschien eine Dokumentation im österreichischen Fernsehen über Braunstein unter dem Titel „Der alte Mann und die Berge“. Mit 104 Jahren starb Braunstein im darauffolgenden Jahr.

Lebensstationen:

Wien - Triest - New York

Videos :

Scarlatti / Maria Tipo, 1955: Sonata in E major, L 23 - Tipo's First Recording (Notes by Joseph Braunstein.)

Scarlatti / Maria Tipo, 1955: Sonata in C major, L 5 (Notes on LP jacket rear by Joseph Braunstein.)

Literaturhinweise :

Joseph Braunstein Collection, 1854-1996 AR 25072. MF 610 Reels 1-27 (http://www.lbi.org/digibaeck/results/?qtype=pid&term=121461)

Kornberger, Monika. Braunstein Joseph (Josef), Österreichisches Musiklexikon, IKM, Abt. Musikwissenschaft: http://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_B/Braunstein_Joseph.xml

Kozinn, Alan. Obituary: Joseph Braunstein, New York Musicologist, 104, in: New York Times, 12. März 1996.


Bestände in weiteren Archiven :

Emergency Committee in Aid of Displaced Foreign Scholars Records, MssCol 922, Manuscripts and Archives Division, The New York Public Library

YIVO Institute for Jewish Research, Archives of the Carl Schurz Memorial Foundation, Hans Nachod Subject File