Manfred Lewandowski

Als Großneffe des berühmten Louis Lewandowski ruhten schon früh hohe Erwartungen auf dem 1895 in Hamburg geborenen Manfred Lewandowski. Ab 1903 war er Chorsänger in der Synagoge Beneckestraße/Hamburg, in der bereits sein Vater als Kantor sang. Als jedoch 1906 Josef „Yossele“ Rosenblatt seine Tätigkeit in der neu eingeweihten Synagoge am Bornplatz/Hamburg aufnahm, wechselte Lewandowski den Chor und wurde fortan zu Rosenblatts eifrigem Schüler. Nach dem Weggang seines Lehrers wurde Lewandowski 1912 Hilfsvorbeter in Wilhelmshaven und Bremen, bevor ihn 1915 die Einberufung zum Militär ereilte. Er diente im 9. Dragoner-Regiment und als Kantor an der Front in Frankreich. Eine Verletzung führte 1917 zu seiner Entlassung aus dem aktiven Armeedienst, und Lewandowski wurde bis zum Kriegsende im Kriegsversorgungsamt eingesetzt. Von 1918 bis 1920 kehrte er, nun als Vorbeter, nach Bremen und Wilhelmshaven zurück. Jedoch trat er ab 1920 auch als Konzertsänger auf, wobei sein Repertoire anfänglich ausschließlich Lieder, Oratorien und Arien umfasste. Synagogale Gesänge nahm er erst später in sein Programm auf.

Wenig später setzte sich Lewandowski gegen mehrere Mitbewerber durch und trat 1921 die Nachfolge Eduard Birnbaums als Oberkantor der Synagogengemeinde in Königsberg an. Er blieb bis 1923, bevor er sich entschied, als Oberkantor und Musikdirektor des neu errichteten Friedenstempels (Vereinssynagoge Beth Schalom) nach Berlin zu gehen. 1928 wechselte er als Oberkantor vom Friedenstempel an die Synagoge in der Berliner Lindenstraße. Die Anstellung in Berlin eröffnete ihm neue Möglichkeiten. Ab 1924 begann er zu komponieren, doch aus Respekt vor seinem Großonkel ließ er diese frühen Werke nicht publizieren. Von 1924 bis 1933 trat Lewandowski als einer der ersten Konzertsänger bei der „Berliner Funkstunde“ auf. Aufnahmen für bekannte Plattenlabel, darunter Odeon, Electrola und Homophon (später Homocord), Hed Arzi und Semer, mit italienischen, hebräischen und deutschen Stücken folgten. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten endete diese Tätigkeit. Seit 1933 durfte er nicht mehr im Radio auftreten, und die Matrizen seiner früheren Aufnahmen wurden zerstört.

Lewandowski emigrierte 1938 über die Schweiz nach Paris. Ungefähr ein Jahr lang unterrichtete er am Temple Rue de la Victoire de la Communauté Israélite, bevor er 1939 in die USA ausreisen konnte. Rasch fand er Arbeit: erst als Kantor an der Congregation Habonim in New York und ab 1940 an der Congregation Emanu-El in Philadelphia. Letzteres gab er zwar 1948 auf, doch sang er bis 1965 an den hohen Feiertagen. In den USA widmete Lewandowski sich erneut seinen früheren Leidenschaften. Er komponierte und nahm Schallplatten auf, häufig begleitet von Felix Robert Mendelssohn. Außerdem begann er seinen zerstörten Schallplattenaufnahmen nachzuspüren und wurde vereinzelt bei Sammlern fündig.

Manfred Lewandowski starb 1970 in Philadelphia. Nur wenige seiner Kompositionen wurden zu seinen Lebzeiten publiziert, darunter das 1942 entstandene „Prayer for Victory“, das 1958 zu Ehren des zehnjährigen Jubiläums Israels komponierte „If I Forget Thee, O Jerusalem“ und sein vielbeachtetes „Shalom-Shalom“ von 1964.

Lebensstationen:

Hamburg - Wilhelmshaven - Bremen - Königsberg - Berlin - Paris - New York - Philadelphia

Videos :

Kol Nidre

Hans Heinz Bollmann tenor & Manfred Lewandowsky bariton "Pêcheurs de Perles" Homocord 1927

Literaturhinweise :

Fetthauer, Sophie. Manfred Lewandowski, Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit: http://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00003583

Bergmeier, Horst J. P./Eisler, Ejal Jakob/Lotz, Rainer (Hrsg.). Vorbei... Beyond Recall: Dokumentation jüdischen Musiklebens in Berlin 1933-1938. A record of Jewish music life in Nazi Berlin 1933-1938, Hambergen: Bear Family Records, 2001 (Buch und 11 CDs).

Traber, Habakuk/Weingarten, Elmar (Hrsg.). Verdrängte Musik: Berliner Komponisten im Exil, Berlin: Argon, 1987, S. 297.